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Das Summer Breeze Festival fand vom 17. bis zum 20. August in Dinkelsbühl statt. Foto: Fabian Gebert
Das Summer Breeze Festival fand vom 17. bis zum 20. August in Dinkelsbühl statt. Foto: Fabian Gebert

Sexuelle Belästigungen auf dem Summer Breeze: Protokoll einer Besucherin

Dort, wo Menschen dem Alltag entsagen, laute Musik hören, Bier und Drogen konsumieren, wo vermeintlich alle Hemmungen fallen können, da befindet sich nährender Boden für Grenzüberschreitungen aller Art. Gerade sexuelle Belästigung hat fast jede Frau in Deutschland schon erlebt.

Um zu verstehen, um was es hier geht, ist wichtig zu definieren, was „sexuelle Belästigung“ ist. Laut einer Studie des Instituts für Angewandte Sexualwissenschaft und der Hochschule Merseburg von 2020 wird sexuelle Belästigung vor allem durch Worte oder körperliche Berührungen erlebt. Auch Musik, sexualisierte Werbung oder Exhibitionismus gehören zur Belästigung, für unser Beispiel spielen aber vor allem die erstgenannten Erlebnisse eine Rolle. Die Studie zeigt, dass 97 Prozent aller Frauen, 95 Prozent aller Menschen mit diversen Geschlechtsidentitäten und 55 Prozent aller Männer Grenzüberschreitungen in dieser Form bereits erlebt haben.

Erschreckendes Protokoll von sexueller Belästigung bis hin zu Übergriffen

Zu geballten Vorfällen bis hin zu körperlichen Übergriffen kam es laut dem erschreckenden Protokoll einer Besucherin auch auf dem Summer Breeze Festival 2022 in Dinkelsbühl zuhauf. Die Festival-Besucherin Nicole Moor machte ihre Erfahrungen öffentlich, unter anderem auch in der Facebook-Gruppe des Summer Breeze.

Hier schreibt sie zunächst, dass sie sämtliche Belästigungen und Übergriffe, die sie selbst erfahren musste, nummerieren möchte. Das diene der besseren Übersicht.

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Das Protokoll

„1. Am Freitag hab‘ ich mir natürlich die ersten Bands auf der Ficken-Stage angehört und dabei hat ein Mann meine Nähe gesucht. Er hat die ganze Zeit versucht mich anzutanzen und anzufassen und wollte wissen, wie ich heiße und wo er mein Camp findet. Egal wie oft ich ‚Nein‘ gesagt habe, er hat immer weiter gefragt.
2. Am selben Tag sagte mir ein Kerl, der oberkörperfrei rumlief: ‚Lass deine Titten nicht so raushängen!‘
3. Am Mittwoch war ich auf dem Weg zum Infield und ein Mann sagte mir: ‚Das ist ja ein echt geiler Busen‘ und leckte sich den Mund sexuell angedeutet mit seiner Zunge.
4. Als ich Ghøstkid gehört habe, drängelten sich öfters Menschen an mir vorbei, was ja auch okay ist. Allerdings kam es öfters vor, dass mir dabei an den Arsch gegrabscht wurde und das geschah sehr oft, nicht nur bei der Band.
5. Nach dem Auftritt von Ghøstkid kam ein Mann zu mir und fragte mich, ob er mir auf den Arsch klatschen dürfe. Ich sagte ihm ganz klar ‚Nein!‘ und fragte ihn, ob er gestört sei oder was sein Problem ist. Darauf meinte er, ich solle nicht so ‚pissig‘ sein und er gab stattdessen meinem Freund einen Klatscher auf den Po.
6. Danach standen mein Freund und ich in der Schlange zum Klo, da sagte eine Frau: ‚Sorry, aber das muss ich einfach machen‘ und direkt darauf klatschte sie mir so richtig fest auf den Po. Als ich sie dann wütend anschrie, war sie sich keiner Schuld bewusst und meinte, dass sie doch auch eine Frau sei und es deshalb okay wäre.
7. Als ich über das Infield lief, kam ich an einer Gruppe Männer vorbei, die mir dann mehrfach laut ‚Ausziehen! Ausziehen! Ausziehen!‘ hinterher geschrien haben.
8. Mein Freund machte ein paar Fotos von mir auf dem Infield und dabei kam ein fremder Typ auf mich zu. Er streckte sein Handy in Richtung meines Freundes und versuchte mich an der Taille zu umarmen und sagte: ‚Mach mal auch bitte paar Bilder von uns.‘
9. Als ich mit meinem Freund und paar anderen Leuten im Kreis stand und wir geplaudert haben, packte mich plötzlich ein junger Mann von Hinten an der Taille und sagte, dass er mich jetzt ficken werde. Ich sprang ganz verstört hinter meinen Freund, um Schutz zu suchen und daraufhin meinte der Kerl: ‚Ist das dein Freund? Dann muss ich ihn ja vorher fragen.‘ (Dann wendet er sich zu meinem Freund) ‚Seid ihr offen? Dürfte ich sie jetzt ficken?‘ Das war einfach so abartig. Vor allem, dass ich von diesem Typ nicht als gleichwertiger Mensch gesehen wurde, sondern als das Eigentum meines Freundes, welches er gerne ‚benutzen‘ würde.
10. Auf dem Weg zur T-Stage lief ich an zwei Männern vorbei, wobei der eine zum anderen deutlich laut gesagt hat: ‚Die würde ich auch mal ficken wollen.‘
11. Beim Konzert einer Band hat mich ein Mann mehrfach angetwerkt und andere sexuelle Zeichen in meine Richtung gegeben.
12. Als ich vor den Toiletten auf meinen Freund wartete, lief ein Typ an mir vorbei und stöhnte mir ins Ohr. Und das war jetzt nur der Mittwoch und danach war ich einfach fertig mit den Nerven und hab‘ nur geheult und konnte die Bands, die ich hören wollte, nicht mehr genießen. Also am Mittwochabend war ich nur noch mit weinen anstatt mit Bands hören beschäftigt.

Nun zum nächsten Tag:

13. Auf dem Weg zum Infield wurde mir hinterhergepfiffen.
14. Ebenfalls auf dem Weg lief ich an einem Camp mit dem sogenannten Titten-TÜV vorbei und bei mir wurde der Tittenalarm ausgelöst (welcher sehr laut und unangenehm war).
15. Danach kam ich an einem Typen vorbei, welcher mich ganz lieb nach einem Foto gefragt hat. Da hatte ich nichts dagegen, denn wer lieb fragt, kann mit mir eigentlich immer ein Foto machen. Er holte sein Handy raus, doch der Akku war leer. Daraufhin sagte ich, dass wir dann wohl kein Foto machen können und ich nun aber weiter gehen muss. Daraufhin meinte der Typ, dass er dann gerne einen Kuss will und versuchte mich zu küssen. Ich sagte ganz klar ‚Nein!‘ und er meinte nur: ‚Aber du hast ja gesagt!‘ (ich hatte meinen Konsens zu einem Foto gegeben, nicht zu einem Kuss!)
16. Als ich mit meinen Freunden Finntroll an der Mainstage gehört habe, war dort ein vermutlich alkoholisierter Mann mit einer Wickingermütze, mit roten geflochtenen Zöpfen. Als ich mit meinen Freunden ein Erinnerungsfoto machen wollte, hat er ständig versucht, mit ins Bild zu kommen und ich war total überfordert damit. Danach dachte ich, er sei weg und stand am Wellenbrecher und hab der Band zugesehen. Bis mein Freund plötzlich ‚Hey!‘ schrie. Ich drehte mich um und sah, dass der Typ hinter mir kniete und ein Selfie machte, wie er seine Zunge in Richtung meines Pos streckte (welcher natürlich mit auf dem Bild war). Er rannte dann weg, aber während dem Konzert tauchte er immer wieder hinter mir auf.
17. Als ich das Bild mit meinen Freunden gemacht habe, sah man im Hintergrund, wie mir da jemand heimlich den Arsch fotografiert. Dass Leute mich heimlich/ungefragt fotografiert haben, ist häufiger vorgefallen, das brauch‘ ich nicht alles einzeln aufzählen.
18. Als ich auf dem Weg zur T-Stage war, kam ein Kerl zu mir angerannt und sagte: ‚Hey ich hab‘ ne‘ Wette und wenn ich dir ins Höschen fasse, bekomme ich einen Euro‘ und er griff schon mit seiner Hand in meine Richtung. Ich wich zur Seite und hab ihn daraufhin ordentlich zusammengeschissen und er meinte nur‚ ich solle nicht übertreiben‘.“

Das Feedback auf Nicole Moors Posting fiel komplett kontrovers aus, schreibt sie. „Da war alles mit dabei“, und ergänzt, dass es Beileidsbekundungen und ähnliche Berichte gab, allerdings auch relativierende Kommentare oder sogar verteidigende, die beispielsweise so aussahen: „Du liefst sicher wie ne‘ Nutte herum, zieh dir mal was an“. Festivals seien einfach so, kommentierten Nutzerinnen und Nutzer, damit müsse man klarkommen.

Mittlerweile wird auch offiziell wegen sexuellen Übergriffen auf Frauen während des Crowdsurfens ermittelt

Appell an Summer Breeze: Konzept im Umgang mit sexueller Belästigung verbessern

Wie ein reines Männerfestival sei Moor das Summer Breeze vorgekommen, ob sie nächstes Jahr 170 Euro bezahlen werde, um solche Erlebnisse zu machen, wolle sie sich nochmal überlegen. Sie schließt mit einem Appell, dass das Dinkelsbühler Festival sein Konzept im Umgang mit sexueller Belästigung und Übergriffigkeit überdenken möge.

Auch die Veranstalter meldeten sich zu den Vorwürfen diverser sexueller Übergriffe zu Wort

Bilder vom Summer Breeze 2022 gibt es hier

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