von links nach rechts: Florian Meierott, Dr. Reiner Weisenseel, Katrin Kasparek, Prof. Dr. Mathias Zink. Foto: Bezirksklinikum Ansbach
von links nach rechts: Florian Meierott, Dr. Reiner Weisenseel, Katrin Kasparek, Prof. Dr. Mathias Zink. Foto: Bezirksklinikum Ansbach

„Ansbacher Perspektiven“ erinnert an Verbrechen in Heil- und Pflegeanstalt Ansbach

Die Verbrechen an Menschen mit seelischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Ansbach während der Zeit des Nationalsozialismus standen im Mittelpunkt des September-Termins der „Ansbacher Perspektiven“. Veranstaltet wird die Vortragsreihe für Ärzte, Psychologen, Fachtherapeuten und Pflegekräfte von Prof. Dr. Mathias Zink, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirksklinikum Ansbach.

„Diesmal hörten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht einfach einen Fachvortrag“, erklärt Prof. Dr. Mathias Zink. „Sie erfuhren Details zur Rolle der Heil- und Pflegeanstalt Ansbach und konnten darüber hinaus auch das individuelle Schicksal der damaligen Patientin Marie H. nacherleben. Denn die Enkelin von Frau H., die nicht mit Namen genannt werden möchte, stellte die Leidensgeschichte ihrer Großmutter sowie die Auswirkungen des Geschehenen bis in die heutige Zeit vor.“ Den feierlichen Charakter einer Gedenkveranstaltung verstärkte die musikalische Umrahmung durch den renommierten Kitzinger Violinisten Florian Meierott. Dieser trug nach den einzelnen Vorträgen zeitgenössische Kompositionen vor, darunter eigene Werke, etwa die Uraufführung seines Stücks „Dunkle Elegie“.

Ansbacher beteiligt

Eine Einführung in das Thema präsentierte Dr. Reiner Weisenseel, Chefarzt der Klinik für Geriatrische Rehabilitation am Bezirksklinikum Ansbach. Er hatte sich im Rahmen seiner Doktorarbeit Ende der 80er Jahre intensiv mit der Rolle der damaligen Heil- und Pflegeanstalt in der NS-Zeit beschäftigt. „Die Geschichte war bis dahin noch völlig unbearbeitet, und so habe ich mich im Keller durch Hunderte noch verfügbarer Akten aus der Zeit gewühlt“, berichtete Dr. Weisenseel. Zwangssterilisation, Kindereuthanasie, Erwachseneneuthanasie und der Hungerkosterlass – das waren die vier Eckpfeiler des Vernichtungsprogramms der Nationalsozialisten. An allen Aktionen hatten sich auch die Ansbacher beteiligt.

Insgesamt wurden in Ansbach zwischen 1934 und 1940 379 Zwangssterilisationen durchgeführt. 154 Kinder sind zwischen 1942 und 1946 in der Kinderfachabteilung gestorben. 892 erwachsene Patientinnen und Patienten wurden zwischen Oktober 1940 und April 1941 mit Bussen abgeholt und in Tötungsanstalten umgebracht. Ab 1942 starben außerdem rund 1.200 Patientinnen und Patienten infolge des Hungerkosterlass. Aktiven Widerstand des Personals gab es nicht, im besten Fall erhielt die eine oder andere Familie vor einem geplanten Transport den Tipp, den Verwandten lieber nach Hause zu holen. Nach dem Krieg blieben die Verbrechen ungesühnt: Ein gerichtliches Verfahren in den 60er Jahren, mit dem die Geschichte aufgearbeitet werden sollte, wurde eingestellt.

„Unwertes Leben“

Mit der dann folgenden emotionalen Schilderung des Schicksals von Marie H. entstand aus den Daten und Fakten ein lebendiges Bild. Die Enkelin berichtete, wie sie vom gewaltsamen Tod ihrer Großmutter, der Mutter ihres Vaters, erfahren hatte. Mit 13 Jahren, als sie selbst an Angst- und Panikattacken litt, die sie vor der Familie geheim hielt, erzählte ihr Bruder in einem Nebensatz, dass die Großmutter im Krieg als „unwertes Leben“ umgebracht worden sei. Seitdem quälten sie Fantasien darüber, was mit ihrer Oma passiert und wie es dazu gekommen sein könnte. Weder mit ihrem Vater noch mit den Geschwistern konnte sie in all den Jahren darüber sprechen.

Marie H., Anfang der dreißiger Jahre. Quelle: Bezirksklinikum Ansbach

Marie H., Anfang der dreißiger Jahre. Quelle: Bezirksklinikum Ansbach

Erst 2016 fand ihr Mann im Internet Opferlisten, auf dem auch der Name der Großmutter stand. Somit wurde klar, dass Marie H. im Januar 1941 von Ansbach aus in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz deportiert und dort getötet worden war. Aus dem heutigen Lern- und Gedenkort Hartheim bekam sie den Hinweis, dass im Bundesarchiv in Berlin die Krankenakten der Ermordeten lägen. Diese waren mit dem Transport mitgeschickt und nach dem Krieg zentral archiviert worden. Nun hielt sie Originaldokumente über das Leben und Sterben ihrer Oma in Händen. „Endlich waren die Horrorfantasien ausgeräumt, ich wusste nun, was mit meiner Großmutter geschehen ist. Sie war eine einfach Frau, die das Pech hatte, nicht ins Schema zu passen.“ Doch bis heute ist sie – außer ihrer Tochter – die einzige in der Familie, die sich mit dem Schicksal der Großmutter auseinandersetzt. Scham und Verunsicherung gibt es also bis heute in den Opferfamilien.

Untersuchung nach Scheidung

Eine medizinische Einordnung der Krankenakte von Marie H. aus heutiger Sicht nahm Prof. Dr. Zink in seinem Referat vor. Die Patientin wurde mit der Diagnose „Schizophrenie“ aufgenommen, eine ausführliche ärztliche Untersuchung aber wurde erst im Rahmen des Scheidungsgutachtens, fünf Jahre nach ihrer Aufnahme, durchgeführt. „Die Sicht der Patientin auf sich selbst und ihre Krankheit, wie es heute üblich ist, wird in der Akte überhaupt nicht dargestellt“, bemerkte Prof. Zink. Die Aufzeichnungen zeigten – gemäß der NS-Ideologie – eine erbbiologischen Betrachtungsweise und die Orientierung ausschließlich am ökonomischen Zweck eines Menschen, den er durch seine Arbeitsleistung für die Gemeinschaft hat.

Noch viel Forschung notwendig

Dass noch vieles erforscht werden muss beim Thema „Ansbach im Nationalsozialismus“ betonte die Historikerin Katrin Kasparek im Abschlussreferat. Sie befasst sich im Kulturreferat des Bezirks im Rahmen einer Projektstelle mit der Aufarbeitung der Geschichte des Bezirks Mittelfranken während des Nationalsozialismus. „Ich spreche lieber von Bearbeitung statt von Aufarbeitung“, erklärte sie. „Denn wir werden es nicht schaffen, die Geschichte wirklich komplett aufzuarbeiten.“ Dennoch könne noch viel Neues ans Licht gebracht werden, da heute neue Aktenbestände zugänglich seien. Und die Forschungsarbeit sei wichtig, denn Angehörige suchten immer noch nach Antworten, wie auch die Geschichte der Enkelin von Marie H. zeigt.

Zum 80. Jahrestag der ersten Transporte aus den Heil- und Pflegeanstalten Ansbach und Erlangen startet der Bezirk Mittelfranken – unter anderem auch im Bezirksklinikum Ansbach – eine Veranstaltungsreihe, die sich mit der Erforschung der Geschichte und dem Erinnern an die Verbrechen befasst. „Es ist enorm wichtig, dass wir uns als Bezirkskliniken nicht nur durch die Teilnahme am Forschungsprojekt Gedenken in Erlangen oder dem Errichten von Mahnmalen an den Standorten unserer Verantwortung für die Geschichte stellen, sondern immer wieder aktiv Verantwortung in der Aufarbeitung übernehmen“, betont Dr. Matthias Keilen, Vorstand der Bezirkskliniken Mittelfranken.

Artikel beruht auf eine Pressemitteilung der Bezirkskliniken Mittelfranken. 

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