Symbolbild Papa und Kind. Foto: Pascal Höfig
Symbolbild Papa und Kind. Foto: Pascal Höfig

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Kinder & Jugendliche?

Seit gut drei Monaten befindet sich Deutschland im Krisenmodus. Langsam kehren wir wieder in einen „normalen Alltag“ zurück. Dabei hat die Corona-Pandemie nicht nur einen großen Einfluss auf das Berufsleben – auch für die Kleinsten der Gesellschaft hat sich von heute auf morgen alles verändert. Dr. Kathrin Herrmann ist seit 2019 Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Ansbach. Im Interview erklärt sie, welche Auswirkungen die Kontaktbeschränkungen und Schließungen von Einrichtungen auf Kinder und Jugendliche haben.

Dr. Kathrin Herrmann ist seit 2019 Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Ansbach. Foto: Bezirksklinikum Mittelfranken

Dr. Kathrin Herrmann ist seit 2019 Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Ansbach. Foto: Bezirkskliniken Mittelfranken

Tagesstruktur fällt weg

Schulen waren lange geschlossen, Kindergärten und Kitas nur für Notfälle offen: Was bedeutet es für Kinder, plötzlich keine normale Tagesstruktur zu haben?

Dr. Kathrin Herrmann: Die Tagesstruktur und damit eine (halbwegs) vorhersehbare Planung der Aktivitäten und Freizeitphasen des Tages ist tatsächlich ein nicht zu unterschätzendes Gut, das Kinder- und Jugendpsychiater bekanntermaßen sehr hochhalten. Denn dies gibt nicht nur Sicherheit – die ja gerade in Krisenzeiten sehr wichtig ist – sondern lässt auch den Wechsel von Anforderungen und Entspannung zu, den Kinder für ein gesundes psychisches Gleichgewicht und ihre Weiterentwicklung brauchen.

Durch geschlossenen Kindergärten und Kitas fällt dies nun erstmal weg. Allerdings gestalten ja gerade bei Kindern auch die Eltern maßgeblich einen normalen Alltag mit, so dass hier einiges aufgefangen werden kann. Für die Wahrnehmung des Kindes ist hier außerdem wichtig, dass es nicht plötzlich das ungute Gefühl bekommt als Einziger ausgegrenzt zu sein – sondern auch mitbekommt, dass es den Eltern, Nachbarn oder Freunden ebenso geht und sich hier gerade für alle ein neuer Alltag einstellt.

Sich mit Freunden treffen oder ein Eis essen gehen: der Verzicht auf soziale Kontakte fällt uns als Erwachsener bereits schwer. Wie gehen Kinder und Jugendliche damit um?

Dr. Kathrin Herrmann: Für Kinder- und Jugendliche ist der Austausch mit Bezugspersonen wie Eltern, Großeltern und Familie ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Daneben – und natürlich auch altersabhängig – sind aber auch die Kontakte zu Gleichaltrigen wesentlich für die Entwicklung. Bei Wegfall dieser Möglichkeiten kann jedes Kind anders reagieren. Manche kommen gut damit klar, andere spüren vielleicht mehr Langeweile. Wieder andere sind belastet und lassen ihre Anspannung auch mal an Familienmitgliedern, wie z.B. Geschwistern aus. Jugendliche nutzen mehr Medien und tauschen sich natürlich auch per Videochat aus – auch wenn dies einen realen Kontakt natürlich nicht ersetzen kann.

Kann dies Folgen auf die soziale Entwicklung, gerade von Kleinkindern, haben?

Dr. Kathrin Herrmann: Pauschal lässt sich dies schwer sagen. Dies muss man immer in Zusammenhang sehen mit der bisherigen Entwicklung des Kindes und seiner Resilienz, den (familiären) Lebensumständen und natürlich auch der Dauer der Einschränkungen im öffentlichen Leben, die wir ja alle noch nicht genau vorhersehen können. Entscheidend für uns Kinder- und Jugendpsychiater ist aber, dass natürlich gerade diejenigen Kinder und Jugendlichen, die in den genannten Bereichen vielleicht schon vor der Pandemie Schwierigkeiten hatten, besonders gefährdet sind, Probleme zu bekommen oder auch zu erkranken.

Erwachsene als Vorbild

Erleben Sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie einen Anstieg psychischer Auffälligkeiten seit Beginn der Corona-Pandemie?

Dr. Kathrin Herrmann: Das ist eine interessante Frage, die im Verlauf auch wissenschaftlich von den Fachgesellschaften aufgearbeitet wird. In unserer Klinik haben wir z.B. gesehen, dass Patienten, die in ihrem Behandlungsverlauf noch nicht ganz stabil waren, öfters wieder akute Symptome entwickelt haben und zur Krisenbehandlung aufgenommen werden mussten. Hier konnte schon ein Zusammenhang mit den Umgebungsfaktoren in der Krise gesehen werden, z.B. wenn familiäre Belastungsfaktoren vorlagen, wie Sorgen der Eltern um ihren Arbeitsplatz oder eigene psychische Erkrankungen, sodass sie in der Zeit weniger helfen konnten.

Daneben scheint sich aber auch ein verzögerter Effekt einzustellen. Jugendliche, die zum Beispiel schon vor der Krise soziale Ängste oder Schwierigkeiten mit den schulischen Anforderungen hatten, waren erstmal durch die „verordnete“ Pause entlastet, wobei dies auch mal mehrere Wochen anhalten kann. Der lange Rückzug wirkt sich jedoch mittel- und langfristig auf die Stimmungslage und damit auch eine evtl. schon vorhandene depressive Störung aus. Auch die Ängste kommen nun vermehrt zum Tragen, wenn jetzt wieder Lockerungen und damit auch ein normaler Schulbesuch „droht“. Da die Jugendlichen hier in der Zwischenzeit keine Bewältigungsstrategien einüben konnten, besteht aktuell in diesen Fällen vermehrter Behandlungsbedarf.

Abstandsregelungen und Maskenpflicht: strenge Hygienemaßnahmen werden uns noch länger begleiten. Wie kann ich meinem Kind motivieren, dass es die Regelungen weiterhin einhält?

Dr. Kathrin Herrmann: Auch wenn es schwer fällt – wir Erwachsene sind immer noch das beste Vorbild. Das haben wir alle schon mal zum Thema Handykonsum gehört – und bei den Masken ist es leider nicht anders. Alles, was die Kinder- und Jugendlichen als Normalität erleben und auch konsequent eingefordert wird, kann in der Regel besser angenommen werden, als wenn sich Mama und Papa zuhause auch nicht daran halten. Daneben ist aber natürlich auch eine kindgerechte Erklärung der Hintergründe notwendig, wie z.B. der Schutz von Risikogruppen – zu der ja vielleicht auch die eigenen Großeltern gehören. Ohne natürlich Angst zu machen, können solche anschaulichen Beispiele helfen, den Kindern- und Jugendlichen die recht abstrakte Problematik nahe zu bringen.

Konflikte gehören dazu

Home Office, Home Schooling – viele Familien waren und sind auf engstem Raum den ganzen Tag zusammen. Jetzt stehen auch noch die Sommerferien vor der Tür. Wie lassen sich hier Spannungen und Konflikte vermeiden?

Dr. Kathrin Herrmann: Durch die Herangehensweise! Wenn wir das Ziel haben, Spannungen und Konflikte zu vermeiden, dann werden wir alle grandios daran scheitern. Konflikte gehören zum Leben dazu – und gerade für Kinder- und Jugendliche ist es ja wichtig zu lernen, wie man damit umgeht. Die aktuelle Situation kann hierbei auch eine gute Chance sein, herauszufinden und zu diskutieren, wer in der Familie welche Bedürfnisse hat und wie sich diese am besten vereinbaren lassen.

Dabei hilft ein Grundgerüst an Regeln, wie zum Beispiel eine wöchentliche Familienkonferenz, in der dann auch kleine Aufgaben und Pflichten besprochen und aufgeteilt werden können. Wichtig ist mir aber auch die Familien nicht zu vergessen, die dies trotz größter Anstrengungen und Bemühungen nicht mehr schaffen – vielleicht auch weil die Belastungen in der Krise mittlerweile zu groß geworden sind. Hier rate ich dringend zur Einholung professioneller Hilfen. Auch zu Coronazeiten sind hier die Familienberatungsstellen und Jugendämter hilfreiche und kompetente Ansprechpartner und können dann auch mal niederschwellig und zeitnah effektiv entlasten.

Trotz Lockerungen sind wir noch weit entfernt von einem Alltag, wie der vor Corona war. Wie kann ich meinem Kind Ängste nehmen und den Tag, trotz Einschränkungen, sinnvoll strukturieren?

Dr. Kathrin Herrmann: Alle Eltern sind letztlich die besten Spezialisten für ihr Kind. Eine pauschale Lösung gibt es daher nicht. Hilfreich ist es hier schon, wenn die Eltern eben aufmerksam sind für die Sorgen und Ängste ihrer Kinder – und diese dann auch ernst nehmen. In manchen Fällen ist dann auch eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung eine Unterstützung, so dass die Eltern eine rasche Einschätzung erhalten, ob weitere Maßnahmen nötig sind.

Gleichzeitig hilft es aber auch nicht, die Kinder- und Jugendlichen komplett von den Krisen dieser Welt abzuschirmen, jegliche Anforderungen zu vermeiden und sie im „Urlaubsmodus“ sich selbst zu überlassen. Auch mit Coronaeinschränkungen gibt es wiederkehrende Tätigkeiten zuhause wie Lernzeiten oder Hausaufgaben, die man am besten übersichtlich und für das Kind überschaubar zeitlich einteilt. Ein klarer Anfang und ein festes Ende erweisen sich hierbei meist als hilfreich. Und natürlich sollte auch Freizeit fest eingeplant werden, nicht nur als „Lücke“ im Programm, sondern verbunden mit einem konkreten Plan, was unternommen wird. Auch mit Coronaeinschränkungen lassen sich hier Aktivitäten finden, die dem Kind Spaß machen, z.B. im Freien, wo Abstandsregeln leichter einzuhalten sind. Und das Gute an all diesen Maßnahmen ist – sie helfen nicht nur aktuell, sondern ganz sicher auch für „die Zeit danach“.

Artikel beruht auf eine Pressemitteilung der Bezirkskliniken Mittelfranken.

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