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Überbringen einer Todesnachricht. Foto: Bundespolizei
Überbringen einer Todesnachricht. Foto: Bundespolizei

„Dein Bruder ist tot“: Ich zerstöre eine heile Welt

Der Tod gehört zum Leben dazu, sagt der Volksmund. Dennoch zählt das Überbringen von Todesnachrichten sicherlich mit zu den schwierigsten Aufgaben von Polizeibeamten und Polizeibeamtinnen. Für die Hinterbliebenen wird dieser Moment alles verändern und für immer im Gedächtnis bleiben.

Klar gehört es zum Job eines Polizisten Todesnachrichten zu überbringen – es ist aber eine der belastendsten und aufreibendsten Tätigkeiten im Polizeialltag. Ein tödlicher Unfall, ein Herzinfarkt, Arbeitsunfälle oder vielleicht ein Suizid – die Überbringer solcher tragischen Nachrichten müssen darauf vorbereitet sein. Wie es in einem Beamten selbst aussieht, zeigt dieser Artikel eines Bundespolizisten aus Hamburg.

„Person unter S-Bahn“

Es ist noch früh am Morgen. Ich bin müde und sollte eigentlich noch im Bett liegen. Stattdessen sitze ich in meinem Büro und lese die ersten E-Mails. Meine Entscheidung, kurzfristig für einen Dienstgruppenleiter einer anderen Dienstgruppe einzuspringen, bereue ich leicht. Als ich gefragt wurde, war ich auch nicht so müde.

Egal, die Kollegen aus der Einsatzzentrale versorgen mich mit frischem Kaffee. Ich studiere die Befehle für das Wochenende. Der HSV spielt zu Hause und Fans von Hansa Rostock reisen durch. Es wird also nicht langweilig.

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Die Videobilder sind eindeutig

Plötzlich höre ich über Funk die Einsatzmeldung „Person unter S-Bahn im Bahnhof Altona“. Kurz darauf steht ein Kollege der Einsatzzentrale in meinem Büro. Ich habe schon meine Jacke an und die Autoschlüssel in der Hand. Er nickt wortlos. Sein Blick verrät, er weiß, was die Meldung bedeutet.

Er stirbt…

Es ist kurz nach sieben. 15 Minuten später bin ich vor Ort. Der Bahnsteig ist geräumt, der Zug steht noch am Gleis. Im Schotter liegt ein Mann. Vergeblich versucht der Notarzt noch ihn zu reanimieren. Er stirbt …

Der Gruppenleiter weist mich ein. Die Videobilder sind eindeutig. Der Mann torkelt am Bahnsteig und fällt ins Gleis. Er bleibt zunächst liegen. Als sich ein Zug nähert, versucht er noch, sich zu retten. Leider vergeblich.

Der Unfallort. Vergeblich versucht der Notarzt noch ihn zu reanimieren. Foto: Bundespolizei

Der Unfallort. Vergeblich versucht der Notarzt noch ihn zu reanimieren. Foto: Bundespolizei

Die wohl schlimmste Nachricht im Leben

Ich informiere das Landeskriminalamt und wir vereinbaren, dass wir zunächst die weiteren erforderlichen Maßnahmen, wie Unfallaufnahme, Beweissicherung und das Überbringen der Todesnachricht treffen. Die Sanitäter finden den Ausweis des Verunfallten. Der Blick darauf lässt mich erstarren. Der Tote ist erst Anfang 20 und wohnt in Hamburg.

Da ist er, der Moment, von dem ich – selbst Vater – immer hoffte er würde mir erspart bleiben. Ich muss den Eltern die wohl schlimmste Nachricht überbringen. Es wird still und alle Blicke richten sich auf mich. Offensichtlich sieht man mir meine Gedanken an.

Todesnachrichten musste ich schon oft übermitteln. An Eltern noch nie. Meine Gedanken kreisen. Ich erinnere mich an einen Fall aus dem Jahr 2014. Ein 16-Jähriger hatte seinem Leben ein Ende gesetzt. Er wohnte am Hamburger Stadtrand. Ich bat damals die Polizei Schleswig-Holstein die Nachricht zu überbringen. Nach der Benachrichtigung rief mich der Kollege seinerzeit zurück. An seine Worte erinnere ich mich noch heute: „Es war schrecklich. Das mach ich nie wieder.“

Maria macht’s

Das Klingeln meines Diensthandys reißt mich aus meinen Gedanken. Der Zugführer eines Einsatzzuges der Bundesbereitschaftspolizei meldet sich an. Er ist auf dem Weg nach Hamburg und soll mit seinen Kräften die durchreisenden Rostocker Fußballfans begleiten. Wir vereinbaren ein Treffen am Hauptbahnhof.

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Am Unfallort sichern wir Spuren, befragen Zeugen und suchen den Gleisbereich ab. Der Tote ist schon auf dem Weg in die Rechtsmedizin. Die Gleise werden gereinigt. Es ist neun.

Ich eile zum Hauptbahnhof und fordere auf der Fahrt das Kriseninterventionsteam (KIT) an. Mein Telefon klingelt wieder. Es ist der Gruppenleiter vom Hauptbahnhof. Ich hatte ihn gebeten, einen Freiwilligen zu finden, der mich bei der Benachrichtigung der Angehörigen des jungen Mannes unterstützt. Gerne eine Frau, war mein Wunsch. „Maria macht es“, sagt er leise und ruhig. Die Nachricht lässt mich kurzzeitig aufatmen.

„Bedenke bitte, an welcher Seite des Tisches du sitzt“

Vor dem Hauptbahnhof treffe ich auf den Zugführer des Fußballeinsatzes. Ich weise die Kräfte ein. Auch meine Kollegen Maria und Jan sind am Bahnsteig. Es ist laut und hektisch. Wir reden über den Unfall.

„Dir geht’s nicht gut oder?“, fragt Jan mich plötzlich. Ich erschrecke. Offensichtlich sieht man mir meine Anspannung noch immer an. „Ja“, entgegne ich. „Das kann ich gut verstehen. Aber bedenke bitte, an welcher Seite des Tisches du sitzt“, sagt er fast forsch. Die Worte gehen mir durch den Kopf. Das ist es, denke ich.

So hart die Worte sind, so wahr sind sie auch. Genau mit diesem Satz im Kopf kann ich mich der Aufgabe stellen. Egal wie es mir geht. Für mich geht danach das Leben weiter. Für die Angehörigen wird die Nachricht alles verändern. Das ist mir bewusst. Ich muss und will es gut machen. So dies überhaupt geht.

Mein Telefon klingelt. Die Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams sind schon im Revier Altona. Ich muss sie vertrösten, die Rostock-Fans kommen gerade an. Der Umstieg verläuft ohne größere Zwischenfälle. Es ist halb elf.

Was, wenn er alleine ist?

Ich fahre mit Maria nach Altona. Mittlerweile weiß ich, dass der junge Mann mit seinen drei Geschwistern bei seinen Eltern gewohnt hat. Der jüngste Bruder ist 14. Das macht es nicht besser, denke ich.

Im Aufenthaltsraum des Reviers warten zwei Frauen des Kriseninterventionsteams auf mich. Sie tragen Leuchtwesten und Namensschilder. Der Raum ist klein und ungemütlich. Es gibt kein Tageslicht. Das Mobiliar ist lieblos zusammengewürfelt. Es duftet nach frischem Kaffee und aufgebackenen Brötchen. Ich schalte den kleinen Fernseher aus und schildere den Hergang. Die überaus netten Frauen hören aufmerksam zu. Ihre Stimmen klingen freundlich. Sie reden leise und ruhig.

Ich übernehme

Wir sprechen darüber, was uns erwarten könnte und legen die Aufgaben fest. Ich übernehme es, die Nachricht zu überbringen, und beantworte Fragen zum Unfallhergang und zum weiteren Verfahren. Das KIT übernimmt die anschließende Betreuung. 

„Was, wenn wir nur auf den jüngsten Sohn der Familie treffen?“, frage ich zum Abschluss. „Dann versuchen wir, die Eltern zu erreichen. Klappt das nicht, müssen wir es ihm sagen. Wenn wir vor der Tür stehen, wird er wissen, dass etwas Schlimmes passiert ist. Wir können ihn damit nicht alleine lassen.“  Ich bin von der Antwort überrascht, es scheint mir abwegig. Wird schon nicht passieren, hoffe ich. Gemeinsam fahren wir zur Wohnung.

Auf der Fahrt schildert mir meine junge Kollegin ihre Erfahrungen mit dem Tod. Sie kommt vom Frankfurter Flughafen und ist erst seit wenigen Tagen bei uns.

Ich zerstöre eine heile Welt

Das Haus der Familie liegt in einem guten Hamburger Viertel. In den Straßen ist wenig Verkehr. Vor den vielen großen Grundstücken stehen Limousinen und Sportwagen aus Stuttgart, München und Ingolstadt.

Wir finden das alte rote Backsteinhaus auf Anhieb. Es steht unter großen Laubbäumen am Waldrand. Alles wirkt sehr gepflegt. Das Eingangstor steht offen. Ein großes Schild weist uns auf die Überwachung durch einen Sicherheitsdienst hin. Ich schalte alle Telefone und Funkgeräte aus. Ich will nicht gestört werden. Der Gruppenleiter vom Hauptbahnhof übernimmt meinen eigentlichen Job.

Überbringen einer Todesnachricht. Foto: Bundespolizei

Überbringen einer Todesnachricht. Foto: Bundespolizei

Es ist halb zwölf. Wir betreten das Grundstück und gelangen über einen langen Weg zum Haus. Ich atme noch einmal tief durch und drücke auf den Klingelknopf.  Die alte Haustür lässt einen Blick ins Innere zu. Es brennt Licht. Stille.

Ich drücke nochmal. Wieder bleibt es still. Vielleicht geht der Kelch doch an mir vorbei denke ich kurz, bevor ich den dritten Versuch wage.  Es bleibt still. Nur das Rauschen der Blätter im Wind ist zu hören.

Wir gehen um das Haus. Auf der Rückseite stehen wir in einem traumhaften, stilvoll angelegten, riesigen Garten. Durch den Wintergarten ist ein Blick ins Haus möglich· Ich klopfe an die Fenster. Keine Reaktion. Wir überlegen.

Der Sicherheitsdienst könnte uns vielleicht helfen. Ich gehe zum Tor und schalte mein Diensthandy wieder an. Der nette Mann will die Nummer des Hausherrn aber nicht herausgeben. Wir vereinbaren, dass er ihn anruft und ihm meine Nummer gibt. Die Bewohner der Nachbarhäuser sind mittlerweile auf uns aufmerksam geworden. Sie stehen an den Fenstern und schauen zu uns rüber.

„Wir müssen dir etwas sagen, können wir ins Haus gehen?“

Wir wollen nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen und warten in unseren Fahrzeugen auf den Rückruf. Dann klingelt mein Telefon. Es ist der Mann vom Sicherheitsdienst. Er konnte den Hausherrn leider nicht erreichen. Die Nachbarn stehen noch immer am Fenster. Ich gehe zu ihnen und frage, ob sie wüssten wo ihre Nachbarn sind. Sie wissen es leider nicht. Verreist sind sie aber nicht.

Plötzlich steht ein schlanker Junge, der jüngste Sohn, in der Einfahrt und schaut in unsere Richtung. Gemeinsam mit den Frauen vom Kriseninterventionsteam gehen wir zu ihm.

Während ich überlege, reißt mich der Satz „Wir müssen dir etwas sagen, können wir ins Haus gehen?“ aus meinen Gedanken. Ich schaue zu den Damen vom KIT, sie nicken mir zu. Auf dem Weg gefriert mir das Blut in den Adern. Ich fühle mich unwohl. Wir betreten das Haus.

Über einen großen Flur gelangen wir in das lichtdurchflutete Esszimmer mit Echtholzparkett . An den Wänden hängen Kunstwerke. Wir setzen uns an den riesigen Esstisch. Ich zerstöre gleich eine heile Familie, wird mir bewusst. Plötzlich bekomme ich Zweifel. Soll ich es ihm wirklich sagen? Er ist ganz allein.

„Kann ich nochmal mit euch sprechen?“, frage ich die Frauen vom KIT. Wir gehen in einen Nebenraum. Ich schildere ihnen meine Zweifel. „Du musst es tun. Er weiß, dass etwas passiert ist und wir können ihn jetzt nicht mehr allein lassen. Oder willst du ihm wortlos gegenübersitzen? Das geht nicht.“

Dein Bruder ist tot

Wir gehen zurück und ich setze mich wieder an den Tisch. Er sitzt mir gegenüber und schaut mich mit traurigem Blick an. Ich denke an Jans Worte. „Ich muss dir leider mitteilen, dass dein Bruder heute Nacht einen Unfall hatte und verstorben ist. Er ist tot.“, sage ich deutlich, aber in ruhigem Ton.

Es ist raus, denke ich. Der Junge bricht zusammen. Er weint. Es ist schrecklich, ich versuche, meine Emotionen zu kontrollieren. Nach kurzer Zeit versuchen wir, ihn aus seinen Gedanken zu holen und abzulenken.

,,Wie war dein Bruder?“  Er mochte seinen Bruder sehr, sie verstanden sich sehr gut. Sein Handy vibriert. Es ist der Freund seiner Schwester. Er geht ran und bittet ihn, sofort zu kommen. „Was ist los? Was ist los?“, höre ich. „Er muss herkommen. Nicht am Telefon“, bitten wir ihn. „Komm her, es ist was Schlimmes passiert“, spricht er ins Telefon und legt auf. Stille. Wir versuchen, sie zu durchbrechen, aber es ist schwer.

Schier unendliche Minuten verstreichen. Die Frauen vom Kriseninterventionsteam nehmen ihn in den Arm und versuchen immer wieder, den Jungen auf andere Gedanken zu bringen. Dazwischen immer wieder Stille. Ich denke an Jans Worte. Dann endlich ist der Freund da. Er ist völlig außer Atem und setzt sich zu uns an den Tisch. Er schaut mich an.

„Was ist los?“ Auch ihm sage ich, was vorgefallen ist. Doch das war ein Fehler. Der kleine Bruder sitzt daneben und bricht erneut zusammen. Die Frauen vom KIT versuchen, ihn zu beruhigen. Es gelingt. Wieder Stille. Unendliche Stille. Und wieder wird sie vom Handyklingeln durchbrochen. Es ist der Vater. Er hatte die vielen Anrufe auf seinem Telefon gesehen. „Was ist passiert?“, will er wissen. „Nicht am Telefon, er muss herkommen“, sage ich erneut bestimmt.

„Das soll ein Scherz sein, oder?“

Kurz darauf fährt ein Auto in die Einfahrt. Ich eile zur Tür und stehe dem Vater gegenüber. Er schaut mich an. Sein Blick durchfährt Mark und Bein und sagt mir: „Du also willst jetzt meine Familie zerstören?“ Ich stelle mich vor und bitte ihn in die Küche. Wir setzen uns. Als ich ihm die Nachricht überbringe, sagt er fast emotionslos: „Das soll ein Scherz sein, oder?“ „Nein“, antworte ich: „Er ist tot.“ Ab da schweigt er. Kein Wort, keine Reaktion, minutenlang.

Wir versuchen ein Gespräch zu beginnen. Vergeblich … Plötzlich fragt er mich, wie es passiert sei. Ich erzähle es ihm. Dann wieder Stille. Die Frauen vom Kriseninterventionsteam nicken mir zu. Es ist Zeit zu gehen. Ich hinterlasse meine Visitenkarte und wir verabschieden uns. Maria und ich fahren wortlos davon. Am Ende der Straße halte ich an. Wir steigen aus. Ich atme tief ein.

Ich habe Zweifel

Die Sonne scheint. Wir reden. Es ist halb zwei. Ich melde mich wieder auf Funk. „Keine besonderen Vorkommnisse“, heißt es aus der Leitstelle. „Die Fußballkräfte sind schon im Auftrag. Bei der Einsatzbesprechung im Stadion haben wir dich vorsorglich abgemeldet“, schallt es aus dem Funkgerät.

Danke, denke ich und bringe Maria zurück zum Hauptbahnhof. Am späten Nachtmittag sitze ich in der Halbzeitbesprechung im Volksparkstadion.

Mein Telefon klingelt. Eine Dame vom Kriseninterventionsteam meldet sich. „Wir haben die Betreuung vorerst beendet. Du hast das gut gemacht“, sagen sie mir. Ich habe Zweifel und fahre zurück ins Büro. Meine Tasse steht noch auf dem Schreibtisch. Der Kaffee ist kalt. Endlich Feierabend. Es geht nach Hause.

Als ich den Schlüssel ins Schloss stecke, kommen meine Kinder zur Tür gelaufen. Ich nehme alle in den Arm und drücke sie lange und wortlos. „Was ist passiert?“, fragt meine Frau. „Nichts“, sage ich. Ich saß auf der richtigen Seite des Tisches. Mein Leben geht weiter.

Von: Ronny von Bresinski, Bundespolizeiinspektion Hamburg/ Bundespolizei / P. Höfig

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